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Down by the Lake

Seit jeher ist der nackte Leib ein Gegenstand der Kunst. Für lange Zeit jedoch stand er nicht für sich selbst, sondern wies auf ein Weiteres – den Mythos etwa, oder die Religion. Erst die Moderne brachte den Leib dazu, nichts als Leib zu sein: Manets „Frühstück im Grünen“ zeigt uns die nackte Frau als nackte Frau. Die Unverborgenheit des Leibes präsentiert uns die Wahrheit jenes Menschen: Allein das ist er, nichts anderes; und ebendas ist er allein, kein anderer. Dieser Leib ist an und für sich: Er ist nicht mythisch, nicht biblisch, nicht Aphrodite, nicht Maria Magdalena. Er ist der höchst eigene, höchst exklusive Leib dieser Mademoiselle, die dort frühstückt. In diesem Leib sehen wir das Individuum, einzigartig, ungeteilt.

Von jenem „Frühstück im Grünen“ geht Gesine Kikols gleichnamiger Bilderzyklus aus. Die Düsseldorfer Künstlerin legt, Manet folgend, den nackten weiblichen Leib in die Landschaft, und kommt dabei – wen wundert’s? – zu gänzlich anderen Ansichten als einst der Franzose. Zunächst fasziniert uns die bloße Menge: An Kikols Frühstücken nehmen durchaus ein Dutzend Frauen teil (Männer scheinen übrigens, anders als bei Manet, für das Gelingen des Ausflugs nicht unbedingt vonnöten zu sein). Wir wundern uns weiter: Wiewohl zahlreich, sind die Frauen von uniformer Gestalt; im Grunde sehen wir nur eine einzige, in Position und Pose variierte Frau (bezüglich Letzterer ist es einem übrigens, als hätte man all diese Stellungen bereits irgendwo anders gesehen … wo war das noch gleich? Tizian? Modigliani? Lucian Freud?).

Das „Grüne“ selbst löst sich in Abstraktion auf; erst bei den jüngsten Bildern des Zyklus wird eine tatsächliche Landschaft faßbar: Hier haben Kikols Frauen Finnland erreicht, ein Land, das die Künstlerin aus oftmaliger Anschauung kennt und überaus schätzt. Hat sie dort, „Down by the Lake“ und am einsamen Mökki, „Landschaft“ gefunden?

Jene, nunmehr in Finnland weilenden Frauen haben freilich eines nicht, was einem Manet doch noch so furchtbar wichtig war: Individualität. Sie haben die moderne Idee, dass jeder etwas ganz und gar besonderes sein sollte, offenbar hinter sich gelassen. Kikol geht gar so weit, ihnen mitunter unser wesentlichstes Distinktionsmerkmal: das Gesicht zu nehmen. So haben Kikols Kompositionen eine merkwürdige Heiterkeit: Sind diese Frauen noch Menschen, noch geworfene Schicksalswesen? Oder vielleicht nicht doch eher so etwas wie … Kaninchen auf der Wiese?

Diese anthropomorphen Kaninchen sind unbeschwert von aller Last des Daseins, welche doch darin läge, sich als Eines, vom Anderen durch Abgründe getrennt, erkennen zu müssen. Auch die Requisiten der Vanitas, die Kikol einkomponiert, können nicht schrecken. Dazu sind sie zu konziliant. Vergänglichkeit? Na und? Nicht schlimm, sagen die Kaninchen, sind wir doch Eins mit Allem: Wir werden auch sein, wenn wir nicht mehr sind, uns ist kein Morgen, nur dieser eine, unendliche Tag.

Was aber bleibt uns, den faszinierten Betrachtern jener Welt, zu tun? Fordert uns die Künstlerin auf, die Individualität, mit ihr sämtliche Lebens- und Todesangst zu überwinden? Sollen wir zu Kaninchen werden? Das hat etwas. Gesine Kikols nackten Frauen geht es anscheinend nicht schlecht. Das ist suggestiv. Und nun? Wollen wir ins Bild eintreten? Können wir das?

Martin Berke, Düsseldorf, 2019