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HEIMAT AUF DER LEINWAND

Mit dem Begriff „Heimat“ dürften die meisten Menschen Familie und häusliche Idylle verbinden. „Home sweet home“ sagen die Amerikaner, wenn sie nach Hause kommen und sich auf ihre Liebsten freuen. Die Künstlerin Gesine Kikol hat sich dieses Ausdrucks angenommen und stellt ihre Bilder zurzeit in der Galerie kunstradar aus.

Wer aber in der Ausstellung malerische Landschaften, warme Stuben oder Familienportraits erwartet, wirt enttäuscht. Den in ihren Arbeiten stellt Kikol das Thema Heimat in einem ganz neuen Licht dar. Die Absolventin der Kunstakademie Düsseldorf reiste nach Finnland und machte zahlreiche Fotografien, die sie als Vorlage für ihre Malerei benutzt. So bekommen die Betrachter Berge und Täler mit idyllisch wirkenden Hütten zu sehen.

Doch der erste Blick täuscht. Zahlreiche Elche liegen in einem unregelmäßigem Abstand um das Holz-haus verteilt und strecken leblos ihre Beine nach oben. Auch die Berge haben nichts von beschützen-der Heimat. Durch das gekleckst aufgetragene Weiß machen sie eher den Eindruck, als würden sie jeden Moment explodieren und die Landschaft unter sich begraben.

Zudem wirkt das Motiv „Elchkopf“ – ein abgeschlagenes Tierhaupt in Neongrün – eher wie ein Bild aus einer Gruselgeschichte und untermauert den Eindruck, Kikol wolle mit ihren Arbeiten den Begriff Heimat karikieren. „Aber nein“, sagt sie und winkt ab. „Ich liebe die finnische Landschaft und die Kultur des Landes.“ Doch sie wolle mit ihrer Arbeit etwas Eigenes schaffen, denn: „ich bin ja keine Postkartenmalerin. Die Realität wird von mir in eine ganz andere Richtung gerückt.“

Nicht nur das Motiv des Elchkopfs wirkt makaber. Auch die weiteren Arbeiten verraten, dass Kikol die Bedrohung zum Thema werden lässt. „Oma auf Riesenpilzen“ heißt ein weiteres Exponat, auf dem die titelgebende Großmutter zwar noch bei guter Gesundheit scheint. Doch ihr Aufenthalt auf dem giftigen Waldgewächs scheint unsicher: Collagenhafte Farbkleckse und chaotisch wirkende Pinselstriche haben die zierlich wirkende Pilze umzingelt, so dass der alten Dame kein Ausweg zur Flucht mehr bleibt.

Ganz ernst gemeint ist die auf vielen Bildern zu sehende Bedrohung nicht. Kikol gibt den Bildern eine spielerische Note, indem sie die Motive mit Rahmen umgibt. Diese erinnern mit ihren zahlreichen Ornamenten und Verzierungen an gehäkelte Spitzendeckchen. „Das soll dem Bild etwas Humor verleihen und einen Kontrast zur Bedrohung bilden“, sagt die Künstlerin. Doch statt in feinem Weiß leuchten die Rahmen in tiefem Rot. „Ich will ja nicht nur kopieren. Das ist doch das Schöne an der Malerei: Man kann alles machen.“

Holger Lodahl, Rheinische Post, Düsseldorf, 2008

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