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DER ELCH IST TOT

Fell- und Federvieh, das auf dem Rücken liegend seine Extremitäten in die Höhe streckt, gilt gemeinhin als aller Wahrscheinlichkeit nach tot. Auch in den die landschaftlichen Schönheiten nordischer Natur beschreibenden Arbeiten von Gesine Kikol liegt gerne mal ein Tier auf diese Art herum. Und während bei Motiv „Elchkopf“ die nach dem Abschuss majestätisch präparierte Beute längst eine waldgrüne Wand zu schmücken scheint, liegt unter dem verharmlosenden Titel „Finnische Landschaft“ gleich eine ganze Herde toter Artgenossen wie den Schnee durchtrennendes Gestrüpp vor dem Hochsitz auf dem Rücken.

Doch nicht nur die Fauna wird in Kikols Malerei menschlicher Gewalt ausgeliefert. Auch den Menschen setzt sei im Gegenzug indirekt, aber schonungslos, den Naturgewalten aus. So scheint die Schutz bietende „Schneehütte“ nur bedingt dem Wetteransturm zu trotzen und unter Schneemassen begraben nicht sonderlich stabil. Über dieser scheinbaren Idylle dräut ein mit expressiven Pinselschwüngen aufgetragener Himmel. Eine unsichtbare Sonne wirft bedrohlich glutrote Farbreflexe in das spannende, aber wenig heimelige Szenario. Nicht wirklich „Home sweet home“, wie der Titel der Schau im Düsseldrofer Schauraum kunstradar irreführend verspricht.

2006 residierte die 1976 in Bergisch Gladbach geborene Wahl-Düsseldorferin für zwei Monate im finnischen Tampere. Aber gewiss wurden diese metaphorisch aufgeladenen Motive auch durch einen Studienaufenthalt in nordatlantischen Gefilden geprägt, den Kikol mit dem Malerei-Diplom zum Thema „Das Licht und die Formen Islands“ abschloss. Auch als Gasthörerin bei Prof. A.R. Penck und Daniel Richter oder bei der Gründung des temporären Projektraums „Front“ in Leipzig zeigt sich die Meisterschülerin von Professor Jörg Immendorff, die 2006 ihr Studium an der Akademie abschloss, auf allen Wahrnehmungsebenen mobil. In der Soloschau zeigt Gesine Kikol Malerei und Zeichnungen.

Regina Matthes, Coolibri, Düsseldorf, 2008

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